Was mein Garten mich über Gesundheit lehrt
Vor neun Jahren bekam ich den Impuls, einen Garten zu pachten. Zunächst gefiel mir daran vor allem die Idee, bei schönem Wetter nicht erst überlegen zu müssen, wohin ich gehe oder fahre.
Im Laufe der Zeit wurde er sehr viel mehr für mich, als ein Ort, an dem ich abschalten kann. So stellt er mich z. B. immer wieder vor neue Herausforderungen – etwa wenn es um handwerkliche Dinge geht. Andererseits kann ich hier meine Kreativität ausleben und etwas mit den Händen erschaffen. Er ist für mich eine Art ‚Spielplatz‘ aber auch mein Kraftortgeworden.
In den letzten Jahren werden mir Zusammenhänge immer deutlicher erkennbar – zwischen dem, was sich mir dort zeigt, und dem was uns Menschen und unsere Gesundheit ausmacht, sowie dem Leben an sich.
Ich beobachte, warum sich manche Pflanzen an einem Standort wohlfühlen und andere nicht. Es gibt äußere Störfaktoren – Schädlinge. Ich sehe, wie ein Boden sich verändert, wenn er genährt wird, und wie sich Pflanzen erholen, Blüten bzw. Früchte tragen,wenn ihre Bedingungen wieder stimmen. Manche entwickeln sich sofort. Andere brauchen Wochen oder Monate, bis überhaupt sichtbar wird, dass sich etwas verändert hat. 
Da ist der Oleander, von dem ich nach dem letzten harten Winter schon dachte, dass er würde eingehen. Nachdem ich ihn deutlich zurückgeschnitten und gedüngt hatte, tat sich wochenlang nichts. Und dann trieb er plötzlich wieder aus. Heute wächst er kräftiger, als ich es erwartet hätte.
Da ist das Tränende Herz, das jedes Frühjahr zuverlässig wiederkommt. So zart und filigran – und doch erstaunlich beständig. Jede dieser Pflanzen erzählt ihre eigene Geschichte.
Und je länger ich hinschaue, desto häufiger kommen mir Gedanken, die mich auch in meiner Arbeit begleiten. Menschen kommen zu mir, weil sie unter Erschöpfung leiden, Verdauungsprobleme haben oder einfach das Gefühl, dass ihr Körper nicht mehr so funktioniert wie früher. Natürlich beschäftigen sie zunächst ihre Beschwerden, das ist verständlich. Mich beschäftigen daneben andere Fragen:
- Was stört die natürlichen Prozesse in diesem Organismus?
- Was braucht dieser Mensch, damit sein Körper wieder in die Lage kommt, sich selbst zu regulieren?
Diese Fragen verändern den Blick – es geht dann nicht mehr nur darum, Symptome zu beseitigen. Es geht darum zu verstehen, welche Bedingungen Gesundheit überhaupt ermöglichen.
Auf den Garten bezogen trifft hier die Überlegung an einen schönen und gesunden Rasen besonders gut. Er wird nicht dadurch gesund, dass man den Löwenzahn aussticht und vertikutiert – er braucht ein passendes Milieu, ausreichend Nährstoffe und Wasser.
Dann wird er kräftig genug, um Unkräuter zu verdrängen.
Genauso verhält es sich auch mit unserem Darm und dem Mikrobiom. Das Milieu bestimmt dort, welche Bakterien besonders populieren – diejenigen, die eine ‚Fäulnisflora‘ entstehen lassen und so zu Entzündungen führen, oder diejenigen, die eine gesundheitsfördernde Wirkung haben.
Vielleicht bekämpfen wir manchmal mit viel Energie das, was wir loswerden möchten, während wir viel seltener überlegen, wie wir stärken könnten. Und dazu gehört nicht immer nur, etwas zuzuführen oder zu tun. Manchmal geht es auch darum, etwas wegzulassen oder anders anzugehen.
Dieser Gedanke lässt sich wohl an den unterschiedlichsten Stellen in der Natur beobachten.
Und vielleicht ist das einer der Gründe, warum mein Garten für mich längst mehr geworden ist als ein schönes Hobby.
Er erinnert mich immer wieder daran, dass Entwicklung selten nach einem festen Plan verläuft
- dass manches Zeit braucht
- dass nicht jede Veränderung sofort sichtbar ist
- dass es oft Versständnis für Zusammenhänge braucht, um etwas verändern zu können
- und dass Gesundheit oft dort beginnt, wo wir bereit sind, die Bedingungen zu verändern.
Ich glaube, mein Garten wird mich noch vieles lehren – über Gesundheit, über Regeneration, über Resilienz, über Geduld…und über das Leben selbst.
